Teil 1 der BM-Serie „Schreinerei 4.0“ – Analog trifft digital: die Produktion der Zukunft

Wissen Sie eigentlich, wie viel ungenutztes Potenzial in Ihrem Betrieb schlummert? Durch ewiges Suchen, eine ungünstige Werkstattaufteilung, unnötige Rückfragen, unklare Zuständigkeiten oder das Nicht-Ausschöpfen der Möglichkeiten Ihres CAD-Systems. Machen Sie Ihre Prozesse rund und sorgen Sie so dafür, dass die Rädchen endlich ineinandergreifen.
MARTIN BUCK, CHRISTOF HÖGEMANN, MARKUS FAUST

Das Herzstück einer jeden Tischlerei oder Schreinerei und jedes produzierenden Unter­nehmens ist die Produktion. Sie besteht aus zahlreichen ineinandergreifenden Prozessen – in der Arbeitsvorbereitung, der Materialwirtschaft und der Fertigung selbst. Wer diese Prozesse optimal aufeinander abstimmt, kann ungeahnte Potenziale wecken und die Produktivität deutlich steigern.

Diese BM-Serie wird alle drei Teilbereiche (Arbeitsvorbereitung, Materialwirtschaft und Fertigung) beleuchten und ihre Verknüpfung untereinander genauer darstellen.

Eine Vision für die Produktion

Stellen Sie sich vor, wie einfach es sein könnte: Kaum ist ein Auftrag im Haus, beispielsweise für eine Empfangstheke, wird er auch schon an die Arbeitsvorbereitung übergeben. Aus den detaillierten Notizen und Vorgaben des Verkäufers erstellt der Konstrukteur eine 3D­Zeichnung im CAD. Dabei greift er auf aktuelle Beschlagsdatenbanken der Hersteller sowie individuell hinterlegte Fräsbilder zurück. Pro­blemlos generiert er so eine Stückliste mit allen Werkstücken und Bauteilen, sämtlichen Maßen, Beschlägen und Beschichtungen.

Die benötigten Spanplatten liegen schon als Standardmaterial im Lager, das Biegesperr­holz wird mit der nächsten Bestellung auto­matisch als Kommissionsware mit geordert. Sobald alles wie geplant da ist, erfolgt der Zu­schnitt der einzelnen Bauteile auf der Plattensäge, nebenan wird direkt bekantet. Die daran anschließende CNC-Maschine wird aus der 3D-Konstruktion angesteuert und fertigt alle gebogenen Teile. Der Werkstattmitarbeiter legt sie zur platzsparenden Zwischenlagerung in einen flexiblen Transportwagen. Sein Auszubildender prüft derzeit die Vollständigkeit der Kommissionsbeschläge, damit die Arbeit im Bankraum beginnen kann. Dort steht dem Mitarbeiter das benötigte Kleinmaterial – Schrauben, Dübel, Lamellos, Leim – zur Verfügung. Am höhenverstellbaren Arbeitstisch mit abgesaugten Handmaschinen kann er die Einzelteile zügig vorbereiten. Für die Vormontage gerade solch großer Teile ist ein flexibler Arbeitsbereich vorgesehen. Im sauber strukturierten Spritzraum werden schließlich sowohl der Standard-Weißlack als auch die kommissionsbezogenen Farblacke aufgetragen. Beim Verladen kontrollieren die Monteure die Vollständigkeit der Theke anhand der Stückliste. Sie haben alle nötigen (Elektro-)Werkzeuge stets an Bord und melden dem Personalplaner am Abend via Tablet, dass sie schon wieder früher als geplant fertig geworden sind …

Wie das Märchen wahr wird

Was sich anhört wie ein Zukunftsmärchen ist möglich. Natürlich ist es ein großer Aufwand, alle Faktoren, die hier eine Rolle spielen, zu verbessern. Doch aufgrund der extremen Wirtschaftlichkeit, die man mit dieser Vor­gehensweise erreichen kann, sollten alle Handwerksunternehmen daran interessiert sein, die Vision umzusetzen. Für die vollständige, optimale Abstimmung aller beteiligten Prozesse sind drei Bereiche entscheidend: die Arbeitsvorbereitung (vom Aufmaß bis zur Maschinenansteuerung), die Materialwirtschaft (von der sichtbaren Lagerstruktur bis hin zum automatischen Bestellvorgang) und die Fertigung (vom richtigen Standort der Plattensäge bis zum Schattenbrett für Reinigungspinsel). Jeder Bereich für sich fordert bereits die Abstimmung einer Vielzahl an Arbeitsschritten. Zusätzlich birgt die Vernetzung der drei Bereiche untereinander ein noch größeres Verbesserungspotenzial.

Informieren, Entscheiden, Umsetzen

Alle Vorgänge in einem Tischlereibetrieb sind geprägt von drei Schritten: 1. Informieren, 2. Entscheiden, 3. Umsetzen. Dieses Schema gilt sowohl für große als auch für kleine Prozesse. Nehmen wir als Beispiel wieder die Empfangstheke: Der Konstrukteur informiert sich zunächst beim Verkäufer über Gestaltung und Komplexität des Auftrages. Auf dieser Grundlage entscheidet er über die technische Ausführung und plant die Theke vollständig virtuell im CAD-Programm. Schließlich setzen die Mitarbeiter in der Werkstatt die Theke nach seinen Vorgaben um und bauen somit das reale Möbelstück. Dieser dreistufige Prozess läuft manchmal ohne Schwierigkeiten ab. Doch es gibt auch zahlreiche Situationen, in denen er ins Stocken gerät – beispielsweise, wenn Informationen über Sonderbeschläge fehlen, sodass das Anfertigen der technischen Zeichnung nicht möglich ist. Oder der Pro­duktionszeitraum wird geplant, aber nicht für alle Beteiligten eindeutig festgelegt. Die Mitarbeiter sind zwar hervorragende Hand­werker, aber zwischen den Hobelbänken ist einfach kein Platz für den Aufbau der Thekenanlage. Die Arbeitsabfolge für Hochglanzlacke ist zwar festgelegt, aber dem Mitarbeiter stehen nicht alle Schleifpapiere zur Verfügung. Die Auslieferungstermine sind festgelegt und kommuniziert, aber in der überfüllten Werkstatt ist es nicht möglich, die fertigen Teile ohne Beschädigungen und Behinderungen bereitzustellen. Es gibt klare Regeln und einen Verantwortlichen für das Plattenrestelager, doch keiner weiß mehr, wie es gedacht war und wer es kontrolliert. Diese Beispiele machen deutlich, wie eng die Prozesse der Arbeitsvorbereitung, der Materialwirtschaft und der Fertigung miteinander verknüpft sind. Die Auswirkungen sind manchmal einseitig, häufig jedoch wechselseitig. Um die Beziehungen zu verstehen, muss man sich zunächst die Kernprozesse jedes Teilbereichs vor Augen führen.

Kernprozesse der Arbeitsvorbereitung

Ziel der Arbeitsvorbereitung ist es, aus einem dreidimensionalen CAD-Programm heraus die CNC-Maschinen direkt anzusteuern und vollständige Stücklisten zu generieren. Zu­sammen mit den Zeichnungen dienen sie als Informationsgrundlage für die Fertigung. Für wiederkehrende Tätigkeiten, Bauteilgruppen oder Beschläge greifen die Konstrukteure auf Datenbanken zurück. Jedes Werkstück wird durch einen Barcode gekennzeichnet. Neben der Kapazitätsplanung und Kommissionsbestellung gehört auch die Archivierung des Auftrags nach der Fertigstellung zu den Kernprozessen der Arbeitsvorbereitung.

Kernprozesse der Materialwirtschaft

In der Materialwirtschaft werden alle Lager mit sämtlichen Artikeln des Unternehmens bewirtschaftet. Dafür muss im ganzen Betrieb und über die gesamte Fertigung hinweg eindeutig zwischen Standard- und Kommissionsmaterial unterschieden werden. Größe, Ausführung und Standort der Lager werden an­hand der Mengen und Verbrauchsorte fest­gelegt. Bestellungen werden durch Kanbankarten ausgelöst und nachverfolgt. Ein systematischer Wareneingang schafft Übersicht über den Stand der laufenden Bestellungen.

Kernprozesse der Fertigung

In der Werkstatt liegt der Fokus auf einem durchdachten Fertigungslayout: Maschinen und Arbeitsbereiche sind räumlich sinnvoll anzuordnen, damit die einzelnen Produktions-schritte ohne unnötige Wege nacheinander durchgeführt werden können. Verschiedene Flächennutzungsarten (Arbeits-, Lager-und Wegeflächen) sind farblich gekennzeichnet. An den Arbeitsplätzen werden die benötigten Werkzeuge, Medien und Kleinteile übersicht­lich und definiert bereitgestellt. Auch die Ent­sorgung von Abfällen der innerbetriebliche Transport und unterstützen den Fertigungsfluss optimal.

Übergreifenden Prozesse

Zwischen Arbeitsvorbereitung und Lager­haltung ist ein abgestimmtes Bestellwesen von zentraler Bedeutung. Es entlastet die Arbeitsvorbereitung erheblich. Besonders wichtig ist die Kommunikation hinsichtlich der Kommissionsartikel. Aus Sicht von Lager­haltung und Produktion ist besonders die Integration der Standorte aller Lager in die Layoutplanung wichtig. Die Verbindung zwischen Produktions- und Planungsprozessen liegt vor allem im Bereich der Kommunikation: Hier muss eindeutig festgelegt sein, wie und wann Zeichnungen und Stücklisten in der Fertigung benötigt werden.

Evolution eines Handwerks

In modernen Tischlereien sind sowohl die Maschinen als auch die Menschen und das Material schon heute sehr leistungsfähig. Der nächste große Schritt in der Entwicklung ist die Betrachtung einer Tischlerei als komplexe Aneinanderreihung von Prozessen. Und daraus resultierend die Abstimmung dieser Prozesse. Je klarer sie definiert werden, umso stärker und positiver wirkt sich ihre Vernetzung aus. Das ist das Potenzial einer durchgängigen Fertigung – die Tischlerei 4.0, die Schreinerei der Zukunft.

Schreinerei 4.0: Der Werkstatt-Workshop für Bessermacher

Machen Sie endlich Schluss mit der Zeitverschwendung in Werkstatt und Büro – durch runde Abläufe und optimal auf einander abgestimmte Prozesse. Verknüpfen Sie die analoge Welt mit der digitalen. Unterstützen Sie Ihr Handwerk mit guter Lagerhaltung und sinnvollem Software-Einsatz. Bei unseren Werkstatt-Workshops zeigen Ihnen drei Experten aus dem Schreiner- und Tischlerhandwerk Wege auf, wie Sie Arbeitsvorbereitung, Fertigung und Lagerhaltung in den Griff und unter einen Hut bekommen.

Termine und Preise

Der eintägige Workshop (je ca. 8.45 bis 16.15 Uhr) findet an drei Orten statt:

  • Hannover, 22. August 2017
  • Köln, 5. Oktober 2017
  • Augsburg, 14. November 2017

Die Kursgebühr inkl. Verpflegung beträgt 295 Euro netto pro Teilnehmer, für jeden weiteren Teilnehmer aus demselben Betrieb nur 200 Euro. Mindestteilnehmerzahl: 20 Personen je Veranstaltung.

Die Referenten

Markus Faust, effektive Arbeitsvorbereitung im Innenausbau
www.av-line-consulting.de

Martin Buck, Werkstattorganisation für Schreiner und Tischler.
www.buckoptimal.de

Christof Högemann, Lageroptimierung.
www.christof-hoegemann.de

Zielgruppe
Der Workshop richtet sich an Schreiner, Tischler und Fensterbauer, die nur eines im Sinn haben: aus Ihren Fertigungsprozessen das Maximale heraus zu holen. Inhaber und solche, die es werden wollen. Nachfolger. Meister und Techniker. Produktionsleiter und Werkstattverantwortliche. Planer und Arbeitsvorbereiter.

Media-Informationen

Herausgeber / Redaktion
Katja Kohlhammer
Verlag
Konradin-Verlag Robert Kohlhammer GmbH
erschienen in
BM Innenausbau / Möbel / Bauelemente: Ausgabe 06/2017
erschienen am
08.06.2017
Autor(in)
Natalie Ruppricht
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